Du Darfst Nicht Bewerten!

Automatisches Bewerten – streng verboten oder vielleicht doch nicht?

Automatisches Bewerten ist out! «Du sollst nicht werten!» – Fast klingt es wie das 11. Gebot. Diesen mahnenden Satz findet man sehr oft in vielen Ratgebern über Achtsamkeit und Spiritualität. Am besten strebt man demnach nach der vollständigen Wertfreiheit und nimmt alles, was einem im Leben so begegnet, mit stoischem Gleichmut hin.

Ganz im Vertrauen gesagt, irritieren mich solche Aussagen – und das neutrale Zur-Kenntnis-Nehmen von Menschen und Dingen gelingt mir sowieso nicht. Mein innerer Seismograph nimmt unablässig zur Kenntnis, womit ich ihn konfrontiere und teilt mir innerhalb von Sekundenbruchteilen mit, ob ihm diese Dinge, Situationen und Menschen genehm sind oder eben nicht. 

Warum bewertet der Mensch eigentlich alles und jeden?

Die Erklärung lautet wie folgt: Seit Urzeiten ist der Mensch mit einem Überlebenskompass ausgestattet. Dieses Warnlicht sichert das Überleben in einer feindlichen Umwelt voller Gefahren. Und es arbeitet blitzschnell. Alles das, was unsere fünf Sinne wahrnehmen, wird im Limbischen System des Gehirns dahingehend überprüft, ob es sich um Freund oder Feind handelt.

Obwohl wir heute nicht mehr die potentielle Gefährlichkeit von Säbelzahntigern beurteilen müssen, arbeitet unser Gehirn immer noch wie das der Urmenschen. Diesen vollautomatischen Mechanismus können wir nicht abschalten, er ist Teil unseres genetischen Erbes und sichert auch heute noch unser Überleben.

Wir können aber in diesen Prozess eingreifen – um zu verhindern, dass unser urzeitlicher Autopilot uns vor die Wand fährt! Das Zauberwort heisst «Bewusstsein». Wir können lernen, uns unserer Bewertungen und Urteile bewusst zu werden, um den dahinter lauernden unbewussten Annahmen, Glaubenssätzen, Vorurteilen und Ängsten auf die Spur zu kommen. Ein ganz wichtiger Bereich der eigenen Persönlichkeitsentwicklung!

Hilfreich ist es auch, die einzelnen Begriffe im Wortfeld «Bewerten» genauer anzuschauen: Werten, bewerten, abwerten, beurteilen und verurteilen werden von uns oft gleichbedeutend verwendet. Aber nur einige von ihnen verursachen tatsächlich das bekannte mulmige Gefühl in uns. 

Im Grunde geht es bei der Forderung des Nicht-Bewertens genau um diesen negativen Aspekt. Um das Ab-werten von Dingen oder Personen. 

Menschliches Leben ist ohne automatisches Bewerten nicht möglich!

Wir brauchen uns also nicht zu schämen, wenn wir immer noch nicht wertungsfrei durchs Leben gehen. Es geht vielmehr um das Bewusstsein. Wir sollten bemerken, was wir genau tun – bewerten, abwerten oder sogar moralisch verurteilen. 

Das Be- oder Abwerten anderer Menschen hat übrigens auch mehr mit uns selbst zu tun, als uns lieb ist. Zum einen ist damit natürlich die Frage verbunden «Was denken die anderen über mich?». Diese Frage lässt mich schlimmstenfalls mein Leben danach ausrichten, was andere für gut und angemessen halten. 

Besonders wir Frauen geben dem, was andere über uns denken, oft viel mehr Gewicht als unserer eigenen Wahrnehmung. Hast du schon mal überlegt, in welchen Situationen du dich von Gedanken oder Meinungen anderer leiten und dadurch begrenzen lässt in deinem Leben? Fragst dich auch selbst mal, ob diese Gedanken überhaupt richtig sind, die da in deinem Kopf herumspuken?

Die Gedanken der anderen gehen dich eigentlich auch gar nichts an. Lass die anderen denken was sie wollen, der einzige Mensch in deinem Leben, dem du es recht machen solltest, bist du selbst. Denn wenn du den Vorstellungen anderer Menschen entsprechen möchtest, kommt einer zu kurz und das bist du selbst. Du verlierst dich im Außen, statt dich im Innersten zu fragen: „ Was will ich wirklich in meinem Leben, wer will  ich sein?“

Heftige Kritik verursacht Stress – auch bei dem, der sie äussert.

Wofür möchte ich hier sein und mit was kann ich den anderen dienen? Damit ich meiner Lebensaufgabe gerecht werden kann. Das wird dich zu einem glücklichen Menschen machen, wenn du dein „Warum„ kennst. Du wirst es nicht im Außen finden, die Antwort liegt in dir. Achte bitte auf deine eigenen Gedanken im Hier und Jetzt, sie formen jetzt deine Zukunft.

Je mehr du dich von den Meinungen und Manipulationen der anderen befreien kannst, desto freier wirst du sein. Glaubenssätze und Überzeugungen stammen nicht nur aus deiner Kindheit und deiner Erziehung. Auch durch viele andere Kanäle wirst du (oft unbewust) beeinflusst. Dazu gehört Werbung, Fernsehen, negative Gespräche über andere, zu viel Social Media, die Angst einflößende Manipulation und die eigenen negativen Gedanken. Achte darauf mit wem oder was du deine Zeit verbringst.

Meine Bewertung anderer sagt auch viel über mich selbst aus

Wenn ich sehr negative Bewertungen vornehme, verursacht das sogar auch in mir negative Gedanken, Gefühle und Stresshormone. Es macht mich eng und intolerant, nicht nur den anderen gegenüber, sondern auch mir selbst gegenüber. Kein Richter dieser Welt urteilt so streng über uns selbst, wie wir das tun. Und diese Strenge tut uns gar nicht gut.

Sie hindert uns daran, das Wunderbare im Anderen zu entdecken und das Einzigartige an uns selbst. Außerdem hindert uns all das Beurteilen daran, eine echte Verbindung einzugehen. Im Urteilsmodus ist unser Herz nicht offen. Wir bewerten, statt einfach etwas zu akzeptieren. Wir fällen ein Urteil, statt Gründe zu klären, nachzufragen, etwas zu entdecken. Urteilen ist ganz schön oft eine sehr ungerechte Sache. Wir sollten einfach nicht alles glauben, was wir im ersten Moment so denken!

Oftmals ist es auch so, dass die negative Bewertung anderer im Grunde viel mehr mit mir selbst, mit meiner eigenen Unsicherheit zu tun hat. Wir versuchen, unsere eigenen Entscheidungen zu rechtfertigen, indem wir andere Menschen kritisieren. Hört sich vielleicht seltsam an, ist es aber gar nicht. Um uns bei diesem Versuch selbst auf die Schliche zu kommen, sollten wir achtsam in unserer Kommunikation sein und uns ruhig einmal fragen:

  • Wie geht es mir gerade selbst?
  • Warum habe ich das Bedürfnis, den anderen kritisieren zu müssen?
  • Wie geht es mir, wenn ich meine Kritik geäussert habe?

Wie kannst du das automatische Bewerten abstellen?

Zuerst eine kleine Bemerkung von mir: Ein Verhalten, das schon so lange besteht, ist hartnäckig. Deshalb sei geduldig mit dir, wenn du dich am Anfang immer wieder dabei erwischt. Beginne mit kleinen Schritten. Ich bin sicher, dass du schon nach kurzer Zeit Veränderungen in deinem Verhalten bemerkst und auch, wie wohltuend das für dich selbst ist. Nachfolgend gebe ich dir einige Impulse, wie du dir das automatische Urteilen abgewöhnen kannst:

1.) Übe dich in bewusster Wahrnehmung

Zu allererst solltest du anfangen, all deine Bewertungen wahrzunehmen, denn oft finden sie unbewusst statt. Hör dir also zu. Hör deine innere Stimme und schau, wie sie dich kommentiert, wie sie Situationen kommentiert, wie sie über andere redet. Je mehr du es schaffst, das wahrzunehmen, umso leichter wird die Veränderung. Interessant ist es auch, genau hinzuschauen, ob wirklich du da sprichst. Vielleicht ist es auch jemand anders. Die Auswahl ist gross: Mütter, Väter, andere Familienmitglieder, Lehrer, Vorgesetzte, Nachbarn usw. Viele innere Stimmen können da am Werk sein und es ist sehr hilfreich, sie genau zu identifizieren.

2.) Finde das Positive im Gegenüber

Vielleicht kannst du es nicht wirklich glauben, aber jeder Mensch hat etwas Positives in sich. Zugegeben, bei einigen Zeitgenossen ist es manchmal recht schwer zu entdecken… Zu wissen, dass wir alle unser Bestes geben, ist zum Beispiel eine wunderbare Grundüberzeugung. Such dafür mal bewusst aktiv das, was du magst bei deinem Gegenüber. Statt den Kopf zu schütteln über etwas oder jemanden, sieh genau hin.

Ein weiterer wichtiger Tipp ist, immer wieder etwas Neues, Unbekanntes kennenzulernen: neue Menschen, neue Orte, neue Ideen und neue Verhaltensweisen von Menschen. Wir kennen die Vorstellungen und Wahrheiten, mit denen wir aufgewachsen sind, natürlich am besten. Aber um dieses Korsett an Überzeugungen aufzubrechen, hilft es zu reisen und zu schauen, wie die Menschen in anderen Ecken der Welt auf das Leben schauen. Je mehr du erkennst, dass es auch andere Sichtweisen, Bräuche und Traditionen gibt, desto weniger mistrauisch reagierst du auf alles, was du zuerst verurteilst.

Nebenbei bemerkt erinnert mich das an eine bekannte Volksweissheit aus meiner westfälischen Heimat:

Wat den Buer (Bauer) ne kennt,

dat frett (frisst) he ne.

Quelle: Meine Grossmutter 😉

Möglicherweise hilft dir auch der Gedanke, dass dein Gegenüber auch einmal ein wunderbares kleines Baby war, über das sich seine Eltern von Herzen gefreut haben (hoffe ich wenigstens). Versuche also, dich bewusst umzuprogrammieren. Es fühlt sich zuerst sehr ungewöhnlich und künstlich an, so gar nicht du selbst. Aber mit der Zeit geschieht es automatisch und du wirst viel positiver auf die Menschen zugehen.

3.) Belohne dich für deine Fortschritte

Das Wohlbefinden, das sich mit der Zeit bei dir einstellen wird, ist eigentlich schon eine tolle Belohnung. Du wirst feststellen, dass du insgesamt weniger “in die Luft gehst”, gelassener wirst und dass sich dein Stresspegel deutlich senkt. Es ist eine unglaublich beruhigende Erkenntnis, dass wir alle Menschen so lassen können, wie sie sind. Jeder versucht sein Bestes oder hat es nicht besser gelernt.

In der modernen Psychologie gibt es viele Wege, das ewige Bewerten aufzugeben. Besonders in der von mir so geschätzten Positiven Psychologie richtet sich der Fokus generell auf angestrebte neue Verhaltensweisen.

Die “Zauberfrage” als letzte Hilfe

Wenn gar nichts mehr geht und wir die Zielscheiben unserer Kritik am liebsten auf den Mond schiessen würden, hilft es, wenn wir uns eine ganz besondere Zauberfrage stellen: «Was ist, wenn diese Person ihr Bestes versucht?»

Mich persönlich bringt diese Frage immer wieder auf den Boden. Zorn und Wut verpuffen meistens fast augenblicklich und machen Platz für Nachsicht und Mitgefühl. 

Wie sollte ich an meiner Wut festhalten können, wenn eine Person wirklich ihr Bestes gibt?

Wenn du diese Verhaltensweise an dir ändern möchtest und auf der Suche nach Unterstützung bist, melde dich einfach bei mir.

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Herzlichen Dank und bis zum nächsten Mal!

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Dieser Text – und viele andere von mir – erschien zuerst im Online-Magazin von Julia Onkens “Frauenseminar Bodensee”. Es lohnt sich sehr, auch mal einen Blick auf diese Seite zu werfen.

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